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Arzt-Patienten-Gespräch

„Der Nächste bitte-„

Ein unerwarteter Schub von Nervosität reißt mich aus der Schläfrigkeit des überfüllten Wartezimmers … schnell noch innerlich geordnet:

Was wollte ich den Arzt auf jeden Fall fragen, in Sekunden eine Prioritätenliste erstellen – und wenn er/ sie gestresst ist und mich nicht ausreden lässt, ohne welche Auskunft sollte ich auf keinen Fall die Praxis wieder verlassen?

Eigentlich war mir schon immer bewusst, wieviel von diesen Minutengesprächen abhängt für den Heilungsverlauf der darauf folgenden Tage und Wochen, aber wieviel dabei wirklich schief gehen kann, und was in fast 80 % der Fälle tatsächlich auf der Strecke bleibt, kann ich erst in ganzer Konsequenz ermessen, seitdem ich angehende Ärzte mit sorgfältig gebauten Modellfällen in Simulationsgesprächen trainiere.

Aus realen medizinischen Fallakten werden komplexe wahrscheinliche  Patientenanliegen konstruiert, die einem Allgemeinmediziner oder Facharzt in der täglichen Praxis begegnen könnten- die Schauspielpatienten arbeiten mit regelrechten „Drehbüchern“, die neben detaillierten medizinischen Fakten, die konkrete Erkrankung betreffend, auch spezielle charakterliche Typologien enthalten, wie Gewohnheitsprofile, familiäre Besonderheiten, exakte berufliche Situation, soziales Umfeld, Freizeitaktivitäten, unerfüllte Sehnsüchte,und sogar politische Überzeugungen.

Dabei stellt der Simulationspatient dem befragenden Arzt diese Informationen nicht etwa gleichmäßig bereitwillig zur Verfügung. Jeder Fall ist gewissermaßen in „archäologischen Schichten“ angelegt, manche Tatsachen oder Anliegen sind tief unter Schamgrenzen und Schutzbehauptungen verborgen und werden von den medizinischen Befragern nur je nach Empathiefähigkeit und psychologischem Geschick freigelegt.

Entlastet von eigenen privaten emotionalen Verstrickungen, Besorgnissen und Ängsten spalte ich mich in diesen Sitzungen in einen einstudierten agierenden Patienten-Teil und eine neutrale Beobachterin, die später ein genaues Feedback über die stattfindenden Arzt-Patienten-Interaktionen geben wird.

Im letzten Jahr blieb mir als Summe der Erfahrungen  vor Allem eine erschreckende Erkenntnis:

Die Schlüsselfaktoren des jeweiligen Falles, oft unter Spannung oder Abwehr verborgen, die dazu verhelfen würden, das Sammelsurium von unterschiedlichsten Informations-Puzzleteilen zu einem zutreffenden Gesamtbild zusammen zu fügen, werden von den Studierenden oder Famulanten so gut wie nie erfragt!

Und davon hängen sowohl die am Schluss des Gesprächs erstellten Diagnosen als auch die daraus abgeleiteten Behandlungsschritte entscheidend ab. 

© Doina Weber

„So leicht stirbt’s sich nicht – Hamburger Ärzteblatt“

Arzt-Patienten-Kommunikation / Deutsches Ärzteblatt

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