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ONLINE-SCHULUNG HILFT? ANALOGER LIVE-KONTAKT MACHT DEN MEISTER!

Es klingt verführerisch:  ab sofort können bei Bedarf praktizierende ÄrztInnen oder Medizin-StudentInnen jederzeit und unabhängig von äußeren Umständen auf umfassendes , langjährig gesammeltes Wissen zugreifen, das zudem ständig auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisstand gebracht wird…!

Online Coachings und Online-Seminare u. Lern-Hilfen stehen hoch im Kurs, sprießen derzeit wie Pilze aus dem Boden, versprechen Zeit-Ersparnis und Objektivität und werden tatsächlich auch immer differenzierter, ausgefeilter und für die Nutzer immer leichter zu handhaben.    Kürzlich entwickelte interaktive Online-Module erscheinen vielversprechend.

Es war nur eine Frage der Zeit, wann sich dieses Angebot auch auf die sogenannten  „soft skills“ erweitern würde- neuerdings ist nun auch das Erlernen des respektvoll und kompetent geführten Arzt-Patienten-Gesprächs virtuell möglich.

Einen echten Fortschritt in der medizinischen Fortbildung erkenne ich darin, dass sich auf diese Weise deutlich  schneller das Bewusstsein etabliert, wie fraglos das sorgfältige, – bislang oft als „Orchideenfach“ und praxisferne Luxus-Kompetenz geschmähte – einfühlsam und souverän geführte  Arzt/Patienten-Gespräch zur Grundausstattung gehört, wenn wir zu zutreffenden Diagnosen und umfassender Heilung anleiten wollen.

Als gut strukturierter Überblick, als Allen zugängliches Kompendium der Qualitäten, die es zu erlernen und zu beachten gilt, stellt das E-Learning sicher einen wichtigen Beitrag dar.

Gefährlich wird es, wenn wir als Ausbilder und Nutzer in die Sackgasse laufen,  uns allein mit der digitalen Möglichkeit zu begnügen.  Wer einmal  an einem der praktischen Fortbildungsseminare mit Simulations-Patienten für angehende und bereits praktizierende Mediziner teilgenommen hat, weiß, worin die wirklichen Herausforderungen im beruflichen Alltag eines jungen Arztes liegen:

  • Im emotionalen Dschungel der spontanen Begegnung
  • In der kaum voraussehbaren emotionalen Wucht, mit der ein Patient z.B. auf eine eigene schwere Erkrankung oder die Todesnachricht eines Angehörigen reagiert
  • In unterschwelligen Statusfragen, die oftmals schon nonverbal entschieden sind, bevor der eigentliche professionelle Dialog begonnen hat
  • Im für Arzt und Patienten unmenschlichen Zeitdruck, der durch Organisationsstrukturen in der Klinik und von Krankenkassen auferlegte Richtwerte bestimmt wird

Darauf kann man sich zwar theoretisch innerlich vorbereiten, der praktische Umgang damit erlernt sich aber nur durch praktisches Tun und direktes zwischenmenschliches Erleben.

Wir sind als Individuen genetisch dafür ausgestattet, durch Nachahmung und Erfahrung zu lernen, besonders rasch geschieht das unterstützt von emotionaler Bindung und psychophysischen Kontakten.

Als Säuglinge und Kleinkinder erwerben wir auf diese Weise tagtäglich unvorstellbare Datenmengen und Erfahrungseinheiten. Wir lernen unsere Mitmenschen zu „lesen“, kombinieren Wahrnehmungen, Deutungsmöglichkeiten und Reaktionsmodule immer noch ungleich vielschichtiger als jeder Computer dies entscheiden könnte.

Empathie ist nur durch ausgeübte, angewandte Empathie erfahrbar und lernbar.

Das unterscheidet uns von digitalen Programmen und macht uns für die Bewältigung des professionellen Alltags-Chaos nach wie vor unersetzbar.  Die hohe Kompetenz, die sich in der Gesprächsführung eines erfahrenen Arztes abbildet, kann auch nur durch persönlichen Erfahrungsaustausch weitergegeben und geübt werden.

Das Angebot rein digitaler Module leitet vielfach in die Irre:

Es verstärkt die unter der heutigen Studierenden-Generation bereits grassierenden Ängste, „falsche“, sprich: unorthodoxe Entscheidungen zu treffen, ungewöhnliche unverwechselbare Lösungen zu finden, da die Welt des Online-Wissens oftmals den Anschein von unanfechtbarer umfassender Objektivität transportiert. Dies führt nicht selten zu einer mechanistischen quasi unpersönlichen Anwendung des Erlernten, die eine innerlich passive und wenig selbstbewusste- also schöpferische- Haltung in der Gestaltung des Arzt-Patienten-Gesprächs bewirkt. So wird versäumt das berufliche Erwachsenwerden des jungen Arztes zu fördern, das sich ja nur an der verantwortlichen Entscheidung entfalten kann.

Ja- Online-Schulung hilft, ganz bestimmt, aber der analoge (auch der simulierte) Patienten-Kontakt macht den Meister!

https://www.aerzteblatt.de/archiv/treffer?mode=s&wo=1008&typ=16&aid=201335&s=Schulung&s=hilft&s=online

Doina Weber

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