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Was Führung und Theaterarbeit gemeinsam haben

Amanda Purr, Schauspielerin, Sängerin u.Business Coach, schlägt in Ihrem Artikel zum Thema Führung 4.0 vor, dass sich  Unternehmen und deren Führungsetagen an den am Theater und im Schauspielstudium praktizierten Techniken orientieren sollten, um den modernen Anforderungen des immer schärfer und schneller werdenden Kerngeschäfts besser entsprechen zu können, ohne dabei menschliche Werte wie Empathie völlig zu verlieren. Fortlaufend praktizierte Übungen zur Einfühlung und ein offener, transparenter  Kommunikationsstil seien für Führung und Team empfehlenswert, um einen erfolgreichen Wandel zu ermöglichen.

doina-weberDie Autorin umreißt in ihrem Artikel ein wichtiges Thema, hoch aktuell für jeden systemischen Berater, doch um grobe Missverständnisse zu vermeiden und weder Klischees über die berufliche Realität am Theater in Umlauf zu setzen, noch böse Vorurteile über naive Heile-Welt-Coaches zu bestätigen, lassen Sie uns bitte unbedingt genauer hinschauen.

Unbestritten ist, dass es „am Theater“ schon lange grundsätzlich das Wissen und die Werkzeuge gibt, die sich, auf heutige Führungskonzepte angewendet, segensreich auf Arbeitsklima und Erfolg von Unternehmen auswirken können.

In den vergangenen hundert bis fünfzig Jahren entwickelten Visionäre unter-schiedlichster Zugänge und Schulen der Theaterarbeit (etwa von  K. Stanislawski , Meyerhold, über Michail Cechov , Lee  Strasberg u. Nachfolger, Grotowski, Le Coque, Peter Brook, Ariane Mnouchkine, Anatoly Vasiliev bis hin zu Simon McBurney ) gemeinsam mit ihren Ensembles wirksame Tools zur Entfaltung von Sensitivität, Empathie, Präsenz des Einzelnen, konstruktiver Gruppenarbeit und ungebremster gestalterischer Fantasie.

Diese Methoden werden aber unter zwei sehr verschiedenen Aspekten im Business Coaching  genutzt:

1. Eine Richtung verwendet Übungen aus dem theatralen Kontext eher zu analytischen Zwecken, um z.B. typische innerbetriebliche Grundkonflikte und Spannungsfelder zu erkennen, bzw. zu verdeutlichen und zu bewältigen.
Richard Olivier, der Sohn des berühmten Schauspielers Sir Laurence Olivier, hat mit seiner speziellen Variante des „Mythodrama“ ein machtvolles Instrument entwickelt, um archetypische Konstellationen als Chance zur Organisationsentwicklung zu begreifen.
Mithilfe dieser Arbeit kann der Einzelne seine spezielle Aufgabe oder Funktion im betrieblichen Gesamtgefüge verstehen und sein „Rollenprofil“ schärfen.  Die Mitarbeiter erleben ihre individuelle Chance dem Team und seinen Zielen zu nützen.
Der Betrieb kann durch Oliviers Methode klassische strategische Linien der Verhandlungsführung und Konfliktbewältigung durch die Brille von Shakespeares Dramen untersuchen und auf seine Projekte zuschneiden.
Dies bedeutet aber nicht zwingend, dass hier nach besonderen ethischen Prinzipien vorgegangen würde oder ein spezielles Empathie-Training im Mittelpunkt des Interesses stünde.

2. Wenn sich aber eine Firma (oder Institution) zum Ziel gesetzt hat, sich mit ihrem ethischen Wertekanon zu beschäftigen um das Betriebsklima deutlich zu verbessern und in dem Zusammenhang die Entwicklung sogenannter „soft skills“ bei den Mitarbeitern zu fördern, dann kann sich tatsächlich eine Vielzahl der im Schauspieltraining angewandten Wahrnehmungs- und Sensibilisierungsübungen als sehr hilfreich erweisen. Darüber hinaus gibt es auch Trainingsmethoden, die ganz gezielt kollektives Handeln in größeren Gruppen ermöglichen, die so etwas wie ein starkes „Wir“-Gefühle, eine Art „Schwarmbewusstsein“ entwickeln.

Was also leistet in dieser Hinsicht die von Amanda Purr empfohlene Übung?

Sie erscheint mir durchaus sinnvoll, wenn auch nicht dazu geeignet, die Empathiefähigkeit zu erhöhen.

Ganz bestimmt fördert die im Artikel angeratene Übung beispielsweise die Sensibilität für die eigene Position im Raum. Das kann von deutlichem Vorteil sein für Präsentationen, aber auch für Meetings, Verhandlungen und darin bewusst eingesetzte physische Wirkungen: „Wo stehe ich, wo fühle ich mich am stärksten, wie verhalte ich mich zu (räumlichen) Hindernissen und Begrenzungen?“

Dies – richtig angewandt – erhöht selbstverständlich auch meine eigene „Ablesbarkeit“ für meine Teammitglieder, Mitarbeiter.   

Wenn aber tatsächlich Wahrnehmungsübungen für die dingliche Welt übertragbar wären auf zwischenmenschliche Vorgänge, müsste dies z.B. für autistische Störungen ganz neue Therapie-Perspektiven ergeben.

Bei dieser Störung besteht ein gutes Verhältnis zur konstanten materiellen Umgebung, dagegen lösen veränderte äußere und zeitliche Umstände – und ganz besonders die fließenden u. schwer vorhersagbaren Variationen menschlicher Verhaltensweisen – tiefe Ängste aus, da die Fähigkeit Mimik und Gestik des Gegenübers zu entziffern stark eingeschränkt ist.

Wenn also die intensive Wahrnehmung toter Gegenstände und ihrer räumlichen Entfernung übertragbar wäre auf Kommunikationsvorgänge, bräuchten die Betroffenen ja nur noch Übungen wie die empfohlene intensiv zu praktizieren um erfolgreich geheilt zu werden.

Dies ist aber meines Wissens nicht der Fall:

Zwischenmenschliche Verständigung, atmosphärische Veränderungen des Arbeitsklimas, das Ableiten und Deuten von Motivationen und Strategien aus körpersprachlichen Signalen unserer Mitmenschen, sind äußerst komplexe, sich gegenseitig überlagernde Vorgänge, die zunächst einen direkten Zugang zur eigenen Intuition und eigenen Gefühlswelt erfordern. Ohne Selbstvertrauen, Vertrauen ins Gegenüber und die Fähigkeit, Mimik, Mikromimik und Körpersprache des Gegenübers zu verstehen, sind wir so verloren wie ein Tourist in einem fremden Land – ohne Sprachkenntnisse. Das Andere und der Andere wird dann als Bedrohung erlebt.

Im Feld von zwischenmenschlichen Beziehungen müssen und können wir uns auf diese ständig im Fluss befindliche Welt der Emotionen nur direkt einlassen. Sie ist ausnahmslos konkret erfahrbar, man kann sie auch durch Zergliederung in einfache geometrische Koordinaten nicht vorbereiten.

In einer Gesellschaft, die sich daran gewöhnt hat, „Coolness“ ganz allgemein für einen hohen Wert zu halten, erfordert der Schritt in die Empathiefähigkeit – und damit auch in die eigene Verwundbarkeit – Mut und ein klares Bekenntnis.

Leider zeigt uns das qualitativ äußerst unterschiedliche Betriebsklima an vielen staatlichen und privaten Theatern am besten, dass allein die Beherrschung von Techniken des Sensitivitäts-Trainings der „Belegschaft“ (des Ensembles) nicht ausreichen, um einen Abbau von Konkurrenzdenken und den Aufbau wertschätzender Kommunikation zu garantieren. Auch am Theater wird zumeist unter enormem Zeitdruck an innovativen Prozessen gearbeitet und  hier – genau wie in modernen Unternehmen – wird deutlich, wie wichtig die Werte-Orientierung vor allem der Führungsetage für eine gelungene Veränderung der Unternehmenskultur ist und bleibt.

© Doina Weber

http://www.ke-next.de/management/was-haben-fuehrung-4-0-und-theaterarbeit-gemeinsam-289.html
http://cbf-akademie.de/wp-content/uploads/2016/06/Artikel-WAS-HABEN-FÜHRUNG-4.pdf

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