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Zum Göttlichen Heiland

Unsere Dozentin Doina Weber, Präsenz-Coach, Schauspielerin + Schauspieldozentin, nimmt in diesem Jahr an einem Projekt an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien teil. Angehende Ärzte sollen direktes Feedback auf ihre Gesprächsführung und ihr generelles Verhalten im Umgang mit Patienten bekommen.

button4Empathische Schauspieler stellen zunächst bestimmte Krankheitsbilder und Patiententypen glaubwürdig dar und achten dann darauf, wie von ärztlicher Seite mit ihnen umgegangen wird. Anschließend geben sie Rückmeldung darauf, wie das Verhalten und die Kommunikation auf sie gewirkt hat und benennen, was sie sich als Patient anders gewünscht hätten, um sich aufgehoben und sicher zu fühlen.

Die jungen Mediziner werden auf diese Weise sensibilisiert und haben zudem die Möglichkeit, neue Formen des Umgangs mit den (gespielten) Patienten zu üben.

Ein Ansatz mit viel Potenzial!

Doina Weber ist derzeit in Wiener Ambulanzen unterwegs, um Eindrücke für dieses Projekt zu sammeln.

Hier können Sie einen weiteren ihrer literarisch schönen Berichte lesen:

Neben mir die Schlaganfall-Patientin mit dem Gesicht des Todes, die Nasensonde zieht wie ein Staubsauger jegliche Mimik ab.
Als ich das Zimmer betrete sitzt Frau H. mit glasigen Augen im Rollstuhl und starrt in ein zusammengeknülltes Blatt Zellstoffpapier mit feuchten Flecken in ihrer Hand. Sie nimmt keinerlei Kontakt auf, beim Klang von Stimmen geht ihr Blick nicht in die Richtung der Sprechenden.

Eine Ärztin fragt sie, ob sie das Papier nicht weggeben will, ob sie es denn noch braucht.
„Anzündn“ sagt Frau H.
-„Sie wollen das Papier anzünden? Aber dann haben wir hier Feuer.“
„Ja!“ sagt Frau H.
-“Hätten S`das gern?“, die Ärztin. „Ja.“ Sagt Frau H. seelenruhig.


Es wurde ein dünner lindgrüner Trennvorhang gezogen, zwischen ihrem und meinem Bett, und ich höre, wie es dahinter hervortönt:
„K-K-K-Küche…
K-K-K-Kirche…“


Heute Morgen kam die Ärztin wieder und nahm ihr Blut ab. „Küche“- sagte Frau H.
-„Wie?“
„Teufelsküche“- flüsterte Frau H.
-„Teufelsküche?“ fragte die Ärztin.
„Ich will in Teufelsküche!“ sagte Frau H.


Wenn sie so ohne Augenbewegungen daliegt, hält man sie für völlig dement. Allerdings auf die Ansprachen und Anweisungen der Schwestern und Pfleger reagiert sie prompt. Mit mir verweigert sie jeglichen Kontakt, blickt nicht, grüßt nicht, beantwortet keine Fragen.


Als sie beim Waschen allerlei gefragt wurde, sprachen die Schwestern mit ihr: „Ist Ihr Vorname Waltraud?“
Sie sagte: „Ich will keine Walküre sein!“

Und plötzlich: „Eine offene-Feuer-Küche!“
Die Schwestern setzten sie in den Rollstuhl. –„Sitzen Sie gut, Frau H.?“ Keine Antwort.
-„Sitzen Sie gut?“
„Hölle.“
-„Ich frage Sie nicht nach der Hölle. Sitzen Sie gut?“
„Ich will in die Hölle.“
-„Was wollen S`denn da?“
„Brennen. Im Feuer brennen.“


Abends, als sie umgebettet wird: „Guten Abend, Frau H.!“ sagt die Schwester, gibt ihr fest die Hand.
„Feuer.“
-„Was?“ die Schwester.
„Gut Feuer.“
-„Warum das?“
„Es soll brennen“, sagt Frau H., „Brennen soll es.“


Am nächsten Morgen…
Frau H., die mit offenem Mund daliegt, an die Decke starrt, ab und zu winkt die rechte Hand in die Luft. Die Augen ausdruckslos. Die Hand streckt sich nach oben, macht Schraubbewegungen, als drehe sie eine Glühbirne in eine Deckenlampe.
-„Guten Morgen, Frau H.!“ sagt die Schwester fröhlich.
-„Haben Sie gut geschlafen?“
Frau H.: „Na!“ (nein)


© Doina Weber

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